11 Dinge die du dir als schreibblockierter Autor von Improspielern abgucken solltest

Junge schreit | Das Gelbe Sofa (Storytelling)
© Unbearbeitetes Original-Foto von Jason Rosewell auf Unsplash.com

Tom und Anna sind Brüder.

Beide verdienen ihr Geld damit, Geschichten zu erfinden:

Tom ist Autor und schreibt hauptberuflich Romane.

Anna spielt jeden Abend im Rahmen einer Improtheatershow eine Story.

Doch eines Tages hat Tom ein Problem.

 

Seine Geschichte hängt. Er hat eine Schreibblockade.

Wäre er Outliner und würde seine Geschichten im vorhinein durchplanen, wäre das nicht passiert.

Doch er ist Discoverywriter. Schreibt drauf los. Und lässt sich von der Handlung treiben, die ihm gerade durch den Kopf geht.

Und so soll es auch bleiben.

 

Doch wie überwindet er die Schreibblockade?

Er denkt an seinen Bruder: Wie macht Anna das auf der Bühne?

Improspieler sind genau wie Discoverywriter: Geschichten entstehen ohne Vorplanung aus dem Augenblick heraus.

 

Doch Anna hat er noch nie auf der Bühne stocken, innehalten oder nachdenken gesehen.

Dabei entstehen diese Geschichten doch auch ohne Planung.

 

Und in ihrer Live-Situation muss sie gleich mehrere Rollen übernehmen: Sie ist Autorin, Schauspielerin, Regisseurin und Choreografin in einem.

Sie spielt ohne sich im Team geheim abzusprechen.

Und nichts von dem, was einmal gespielt wurde, kann mehr korrigiert werden!

Eigentlich ist sie noch viel eingeschränkter als er…

 

Doch Improspieler sind nicht blockiert. Halten niemals Inne.

Habe keine Erzählblockade.

Was macht Anna anders?

 

Bitte einen Tipp

Folgende Tipps übertragen ein paar Techniken aus dem Improtheater auf das Schreiben. Sie dienen dazu nicht deine Motivation, sondern deine Geschichte voranzubringen und Gedanken freizusetzen:

Der Anspruch ist es, neuen Schwung, Konflikte und Lösungsansätze in eine Szene zu bringen, damit es voran geht.
Ohne Vorplanung. Ohne bereits Erzähltes zu verändern. Und so schnell es geht.

 

1. Bringe eine Veränderung ins Spiel

Die beste Möglichkeit frischen Wind in eine festgefahrene Szene zu bringen, ist ein frisches Element – eine Veränderung: Je nach Kontext und Zeitpunkt der Geschichte kann das ein plötzlich eintretendes Ereignis, ein neuer (Hinter)gedanke, ein schreckliches Geräusch oder (sehr beliebt) eine neue Person sein. Je mehr das neue Element die Konflikte zwischen oder in den Personen verschärft oder erst entstehen lässt, desto besser!

 

2. Interpretiere alles Geschehene anders

Einmalig im Improtheater ist die Interpreationsanforderung: Auf der Bühne stehen nur die Schauspieler. Alle Gegenstände, Umgebungen oder Effekte werden meistens gespielt: Doch kein Improspieler spricht alles aus, was er spielt. Deshalb wird auch alles, was nicht hundertprozentig klar definiert ist, von jedem etwas anders gedeutet.

Missverständnisse sind unvermeidlich – so kann aus einer „nur gezeigten“ Kuchenbox schnell ein Stapel Papier werden. Im Idealfall werden solche Missverständnisse so gut aufgegriffen, dass daraus ein szeneninterner Konflikt entsteht.
Dabei reicht es schon, wenn ein Außenstehender alles in einem anderen Licht betrachtet, in die Szene schreitet und die Figuren nach seinen Ansichten beurteilt.

Wenn eine Putzfrau beim Wischen am Schreibtisch alle Unterlagen hochnimmt, um darunter wischen zu können, kann der hereinkommende Chef doch schnell denken: Da durchsucht jemand meine Unterlagen!

Um diesen Tipp künstlich aufs Schreiben zu übertragen, kannst du eine Figur einführen, die deine bisherige Szene missdeutet und deiner Hauptfigur vielleicht etwas unterstellt: Reduziere dazu deine Geschichte in Gedanken auf das, was man wirklich NUR sieht/ wahrnimmt. Versetze dich nun in eine Lage einer hinzukommenden Person und interpretiere alles neu. Gehe dabei NUR von dem aus, was man sieht.

Jetzt kommt die Unterstellung und der Konflikt ist da.

 

3. Mache einen Zeitsprung

Manche Szenen sind schnell „abgespielt“. Die Figuren haben sich alles gesagt: Es gibt keine Spannung. Keine Hintergründe und Details auf die man noch eingehen könnte – Die Szene wird nur noch auf Smalltalkniveau am Leben erhalten.

Versuche einfach gar nicht das Beste aus der aktuellen Situation herauszuholen:

Mache einen Zeitsprung.

Die gleichen Figuren – 5 Minuten später. 3 Jahre später. 70 Jahre später im Himmel.
Wenn die aktuelle Szene kein Material mehr bietet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das eine spätere Szene tut.

 

Warum?

 

Weil Zeit nicht ohne Veränderung voranschreitet. Und Veränderung ist nötig für eine spannende Szene.

Setze deshalb die stattgefundene Veränderung in einen Kontext/ Weiterentwicklung/ Rückblick zur vorigen Szene:

  • Hat die Figur das neue Heilmittel ausprobiert? Gab es Nebenwirkungen unter den sie inzwischen leidet?
  • Hat die Figur wirklich mit ihrem Partner Schluss gemacht? Oder ihn sogar umgebracht? Wurde er/sie dafür belangt?
  • Wie verlief das Vorstellungsgespräch? Hat die Figur es tatsächlich geschafft in zwei Wochen zum Firmenchef aufzusteigen?

Denke daran: Keine Figur bleibt über lange Zeit bei genau den gleichen Einstellungen, Meinungen und Erfahrungen.
Spannend ist immer: Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Wie ist es dazu gekommen? Wie handeln die Figuren jetzt?

 

4. Baue Vorgaben ein

Im Improtheater ist es üblich vor oder beim Spielen zugerufene Vorgaben aus dem Publikum einzubauen. Manchmal leiden die Spieler darunter.
Oft machen diese Vorgaben eine Szene aber spannender.

Bitte einen Freund

 

(Es muss kein Freund sein)

 

vor oder beim Schreiben um ein paar Storyelemente wie: Figur, Ort, Gegenstand, einen Beruf oder ein übernatürliches Element.
Und beginne darauf aufbauend eine Geschichte zu erzählen.

Genauso kannst du auch während dem Schreiben einfach ein Lexikon aufschlagen und dir überlegen, wie der erste Begriff zum verändernden Teil der Story beitragen kann.

 

5. Frage „Und jetzt?“

Eine Empfehlung an alle Anfänger im Improspiel: Wenn du nicht mehr weiter weißt, frage das Publikum „Und jetzt?“. Dann spiele den Vorschlag.

Das ist immer dann sinnvoll, wenn man selbst einen Blackout hat oder zu sehr im eigenen Denken und den eingegrenzten Möglichkeiten gefangen ist.

Bitte dazu irgendjemanden

 

(Es kann auch ein Freund sein)

 

während des Schreibens um eine Möglichkeit, wie die Figur reagieren soll: Entweder wird er dir sagen, wie er selbst reagiert. Oder er wird dir sagen, wie die Figur reagieren soll.

Letzteres ist häufig spannender, weil die Figur dann meist aus ihrer Komfort-Zone heraustritt und sich automatisch in einem neuen Konflikt befindet.

 

6. Beginne einen neuen Handlungsstrang

Solange sich eine mehrszenige Geschichte noch in den Startlöchern befindet, spricht nichts dagegen die aktuelle Szene schnellstmöglich zum Schluss zu bringen und eine völlig Neue zu starten.

Beginne mit neuen Figuren an einem neuen Ort in einer neuen Situation.
Da alle Handlungsstränge früher oder später wieder zusammengeführt werden müssen, ist es sinnvoll die neue Szene schon aus einem Kontext heraus entstehen zu lassen:

  • Greife doch die Großeltern auf, die in der ersten Szene erwähnt wurden.
  • Oder wenn in der ersten Szene die Angst vor Feuer erwähnt wurde, wähle in weiser Voraussicht eine Szene mit zwei Feuerwehrmännern in der Mittagspause.

Oder du suchst dir den Kontext später und lässt die Figuren der Handlungsstränge irgendwann die Wege/ Konflikte kreuzen.

 

7. Schalte dein Internes-Kontroll-System aus

Das „Interne-Kontroll-System“ ist die Moral, die uns davon abhält unsere Figuren komplett zu entfalten: Wir beleidigen unser Gegenüber nicht, meiden politisch unkorrekte Themen und – am schlimmsten: Unsere Figuren fliehen vor dem, wovor wir Storyteller uns selber sträuben etwas zu erleben.

Versuche die Bewertungen aller Ideen zur Seite zu schieben und folge deiner ersten Assoziation – egal wie abwegig sie ist.

Oder frage dich: Was wäre das schlimmste, was passieren kann? Was würde ich auf keinen Fall selber tun?

Lügen, Stehlen, Beleidigen, Mobben, Töten, Beschönigen, Herausreden, Lästern, Aufhetzen, Manipulieren, zur bösen Seite wechseln.

Wenn du dein Internes-Kontroll-System ausschaltest. Werden Konflikte kommen.

 

8. Enthülle die geheime Backstory

Nichts ist wie es scheint: Wenn zwei Figuren sich zu gut verstehen und die Szene deshalb nicht vorankommt – enthülle Hintergedanken. Erzähle in einem Flashback die Backstory einer Figur, die bisher nur so getan hat, um ab hier ihr ganz eigenes Ziel zu verfolgen:

  • Ich bin gar nicht die nette alte Dame, die euch immer nur aus Freundlichkeit Süßigkeiten schenkt…
  • Ich habe mir den romantischen Ort im Wald nur ausgesucht, weil dich hier niemand schreien hört…
  • Wir haben die ganze Zeit versucht uns vor der Polizei zu verstecken. In Wahrheit bin ich Geheimagent…
  • Ich hab mich nicht so sehr eingesetzt, damit du ihn am Ende für dich alleine kriegst…

 

Entweder gibst du kurz einen Einblick in die Gedankenwelt des Doppelgängers. Oder du erzählst das Entscheidende in einem Flashback.

Um den Handlungsfluss nicht zu unterbrechen, kann sich die zwiespältige Person ihrem gegenüber auch mit einem plötzlichem, bedrohlichem und erklärendem (!) Stimmungswechsel offenbaren.

 

9. Steigere dich in die Scheiße hinein

Nichts ist im Improtheater wichtiger als authentische Figuren.

Nichts ist im Improtheater wichtiger, als in der Rolle zu bleiben.

Manchmal hat man falsche Entscheidungen getroffen. Zu absurde Ideen verwirklicht. Sich regelrecht peinlich gemacht.
Aber wer authentisch ist, korrigiert sich nicht:

Bleib dabei. Bleib als Figur authentisch.
Und wenn deine Figur scheiße gebaut hat, steigere dich in diese Scheiße hinein.

Die Gefahr, dass die Szene absurd und anders als gedacht wird, ist groß.
Doch viel wichtiger: Die Szene wird interessanter! Und wir erleben starke und ausdrucksstarke Figuren!

 

10. Tu das, was du nicht weißt überzeugt

Dieser Tipp stammt aus Dan Richters sehr zu empfehlendem Büchlein “14 Weisheiten für Impro-Spieler“:

Kein Improspieler kann alles wissen. Im Gegensatz zum Autor kann er aber auch nichts während des Erzählens recherchieren.
An dieser Stelle kommt Glaubwürdigkeit nicht durch die Realitätstreue, sondern durch die Überzeugung, mit dem man die eigene Meinung und Handlung tut und vertritt:

Lass deine Figuren nicht stottern, sondern behaupten.

  • Erfinde Fachbegriffe
  • Nenne falsche Geschichtsdaten und Zusammenhänge
  • Greife auf Informationen zurück die du kennst und übertrage sie – auch wenn alles Unsinn ist

Entweder kann die Information in dem Weltbild deiner Geschichte wirklich stimmen. Oder: Die Figur erfindet alles gerade. Sie kann natürlich auch von dieser falschen Information wirklich überzeugt sein.

Der Vorteil für dich beim Schreiben:
Du unterbrichst deinen Schreibfluss nicht mit Recherche.

(Natürlich empfiehlt es sich für Improspieler und Storyteller ein möglichst breites Spektrum an Gefühlen, Figuren und Situationen zu kennen und sich in allem anderen weiterzubilden.)

 

11. Frage dich was die Szene braucht!

Noch ein Tipp nach Dan Richter:

Ein Konflikt ist das Schlimmste, was deinen Figuren passieren kann.
Oder anders: Das Gegenteil von dem, was gerade in der Szene passiert, kann die Szene voranbringen.

Mache also nur den Umkehrschluss und überlege, welches Element als nächstes benötigt wird – Was fehlt der Szene?

  • Ist die Szene zu ruhig – bringe ein Action-Element mit hinein
  • Ist die Szene zu actionlastig – versuche herunterzukommen
  • Braucht die Szene mehr Figuren?
  • Ist ein Fokus notwendig?
  • Braucht sie endlich mal etwas Unvorhergesehenes?
  • Braucht sie zur Auflockerung etwas Humor?
  • Braucht sie mehr Dramatik?

 

Achja.

Wichtig ist noch:

Für die tiefgründigen Plottwists sollte man doch lieber langfristig planen. Bei allen oberen Beispielen geht es in erster Linie darum, voranzukommen.

Und:

Solange eine Szene gut funktioniert, kann es auch tödlich sein, durch ein neues Element die bestehende Spannung zu zerstören.

Frage dich also immer: Ist es nötig etwas zu verändern?

 

Übrigens kannst du dein Hirn und deine persönliche Einstellung darauf trainieren mehr spontane Assoziationen zu bilden, Ideen anzunehmen und deinen hinderlichen Perfektionismus hinter dir zu lassen!

Bei Nachfragen beantworte ich Näheres gerne in den Kommentaren.

 

…MIST

Ich habe mir gerade noch mal den Anfang des Artikels durchgelesen.

 

Tom und Anna sind Brüder

 

Ups.

Eigentlich meinte ich Geschwister.

 

Aber Geschichten, die aus dem Augenblick heraus entstehen, können nicht korrigiert werden.

Wie soll das jetzt weitergehen? Wie kann ich das erklären?

Ich hänge fest!

Schnell, du musst helfen:

 

Wähle ohne zu überlegen einen der oberen Punkte aus:

Finde eine passende Erklärung, damit mit der es weitergeht!

Und ab damit in die Kommentare 🙂

 

Es geht nicht ums Korrigieren und Stehenbleiben.

Es geht immer um die Story.

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4 Kommentare auf "11 Dinge die du dir als schreibblockierter Autor von Improspielern abgucken solltest"

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Benachrichtige mich zu:

Meine Theorie: Als Anna im hübschen Pringleshausen geboren wurde hieß sie noch Manfred. Manfreds Outing und damit auch die offiziell durchgeführte Namensänderung erfolgte erst vor ein paar Monaten und so ist es nicht verwunderlich, dass Ich noch Probleme mit der Umgewöhnung hat.

Zweiter! 😀