5 essentielle Funktionen von Humor, die dich alle nicht zum Lachen bringen werden!

Jemand der nicht lacht. Hat trotzdem was mit Humor zutun. | Das Gelbe Sofa (Storytelling)
© Original-Foto von Noah Buscher

Ein Gast betritt ein nobles Restaurant.

Er schaut sich um, setzt sich an einen Einzeltisch und bestellt das teuerste Gericht von der Karte.

Gegen alle Erwartungen mundet ihm die Mahlzeit außerordentlich gut. Und als der Ober fragt, ob es ihm geschmeckt hat, sagt der Gast zu ihm:

„Ein Kompliment an den Koch!“

Der Ober nickt freundlich und nimmt den leeren Teller mit in die Küche. Er stellt ihn auf die Ablage, dreht sich zum Koch und sagt:

„Rüdiger, du bist wunderschön!“

Jetzt kann ich natürlich nicht sehen, wer lacht und wer nicht…

 

Je nach Geschlecht, Alter, Kontext und kulturellen Umständen finden wir bestimmte Dinge witzig – oder eben auch nicht.

Grundsätzlich gilt:

Witze bringen uns zum Lachen, unterhalten uns und verbreiten gute Laune.

Und manchmal ertappen wir uns dabei Grenzen zu ziehen: “Über so etwas macht man keine Witze!”
Oft wird “etwas witzig finden” mit “sich über etwas lustig machen” gleichgesetzt.

In diesem Artikel möchte ich euch einen Einblick hinter die Fassade von bloßer Unterhaltung geben und zeigen, wozu Witze psychologisch, dramaturgisch und erzählerisch gut sein können:

Es kann sinnvoll sein, bewusst schlechte Witze in Geschichten einzubauen.
Witze können gerade in ernsten Genres wie Thrillern eine entscheidende Rolle spielen.

– Ein ganz ernstes Thema eben 😛

 

Was ist ein Witz?

Bevor wir verstehen können, was ein Witz bewirkt, müssen wir erst einmal verstehen, was ein Witz ist.

Einzelne Videos des Youtubekanals “Walulis” und das Buch “Handwerk Humor” von John Vorhaus bieten einige gutverständliche Grundlagen, auf denen ich diesen Artikel aufgebaut habe.

 

Auch wenn ich kein großer Mario-Barth-Fan bin, muss ich zugeben, dass er in unter 5 Sekunden sehr simpel demonstriert hat, was ein Witz im wesentlichen auszeichnet.

Bitte einmal abspielen – nur 5 Sekunden:

 

Jap, das wars: “Neh” –> “Doch”

Im Idealfall lachst du beim Ende eines Witzes.

Doch wenn du nicht lachst, heißt es nicht, dass das kein Witz ist.

Rein logisch betrachtet ist ein Witz also eine Struktur: Eine Erwartungshaltung wird aufgebaut (“Neeh”), eine Anspannung entsteht und die Erwartungshaltung wird durch die Pointe mit etwas Unerwartetem gebrochen (“Doch”).

Das Lachen löst nun die angespannte Erwartungshaltung auf.

Je länger der Witz ist und je unerwarteter die Auflösung ist, desto besser funktioniert das natürlich!

Erinnerst du dich noch an den Witz vom Anfang?

Dem Gast dem das Essen so gut geschmeckt hat?

Die Erwartungshaltung des erwarteten Kompliments über das Essen wird damit gebrochen, dass ein Kompliment über Rüdigers wunderschönes Aussehen gemacht wird!

Achja, warum gibt es nicht mehr Köche, wie Rüdiger!

 

Zusammengefasst: Ein Witz ist

  • eine Struktur mit Anfang, Höhepunkt und Auflösung
  • eine Anspannung und aufgebaute Erwartungshaltung
  • ein überraschender Erwartungsbruch (durch die Pointe)
  • also indirekt auch eine Entspannung/ Auflockerung des Gemüts

 

Nun haben wir alle nötigen Informationen zusammen, um uns wirklich ernsten Dingen zu widmen: Was hat Humor noch für Funktionen – außer uns zu unterhalten?

 

1. Ernsthaftigkeit

Wenn ich einen Zwerg winzig erscheinen lassen will, fotografiere ich ihn vor dem Mount Everest: Jetzt wird nicht nur der Zwerg extrem klein aussehen, sonder auch der Berg extrem groß.

Was lernen wir daraus?

Zwerge gibt es nicht nur in Märchen!

 

Nein, jetzt habe ich mich selber rausgebracht: Wir lernen, dass Kontraste sich voneinander abheben und gegenseitig charakterisieren.

So singt auch die Band Swichtfoot “The Shadow proves the sunshine” (Der Schatten beweist das Sonnenlicht). An dieser Zeile wird deutlich, dass Kontraste aus Gegenspielen bestehen, die Auswirkungen auf die entgegengesetzten Elemente haben.

Ein Regisseur hat in einer Theaterinszenierung der düsteren Geschichte “Krabat” bewusst übertriebene, lustige Szenen eingebaut. – Nicht um des Witzes willen, sondern um die eigentlichen ernsten Szenen noch ernster wirken zu lassen und abzuheben. Durch den Kontrast können Situationen in die Wertung des Gesamtzusammenhangs eingeordnet werden.

Ein weiteres Stilmittel ist die Fallhöhe:

Folgt ein schreckliches Ereignis direkt auf ein Lustiges, wirkt es sofort umso grausamer und schockierender. In dem dritten Teil der “Tribute von Panem” sind verschiedene Figuren auf einem Militäreinsatz unterwegs. Die Stimmung ist locker, es wird ein Witz gemacht – alle lachen und einer tritt auf eine Bodenmine und explodiert. Kapitelende.

 

2. Entspannung

Witze führen zu einer Entspannung!

Manchmal muss die aufgebaute Spannung gar nicht vom Witz selber kommen: So entstehen Anspannung gerade in Krisenzeiten, im Krieg und in Zeiten der Unterdrückung. Und Witze bieten Entspannung – ein Lachen als Ausgleich und Entspannung.

Ich glaube in einer Doku über Charlie Chaplin oder so hab ich mal über die befreiende Wirkung von Witzen in Krisenzeiten gehört.

 

In “Star Wars IV: Eine neue Hoffnung” sind Luke, Han Solo und Leia in einem Müllschlucker gefangen und drohen zerquetscht zu werden. Was machen sie, nachdem R2D2 den Müllschlucker anhält? Sie lachen aus vollem Herzen. Nicht wegen einem Witz, sondern vielmehr, weil Humor eine Spannungsentladung ist. – Und angespannt waren alle!

 

 

3. Entmachtung

Hitler verbietet Witze!

(Genau genommen ist er schon tot…)

 

Und warum hat er das getan?
Unterdrückung funktioniert nur mit Gewalt, Angst, Druckmitteln und durch Fügung und Respekt!

Witze führen nicht nur zu einer Entspannung, sondern auch zu einer Entmachtung: Klare Regeln werden durch den Dreck gezogen, Idealfiguren bekommen Seitenhiebe und die Angst verschwindet.

In der dramaturgischen Struktur der Heldenreise, werden ein paar grundtypische Figuren beschrieben.

Die nennt man Archetypen.

 

Die Figur des Tricksters hat die psychologische Funktion, Lockerung in Situationen zu bringen:
Durch Witze und Albernheit entmachtet er Übermächtige, schafft einen Realitätsausgleich und kann “durch die Blume” auf Probleme aufmerksam machen und somit letztlich eine Veränderung einleiten.

Nachzulesen in diesem PDF hier auf Seite 9!

Prominente Beispiele für Figuren, die psychologisch und dramaturgisch genau diesen Zweck erfüllen, sind: R2D2 aus “StarWars” oder Merry und Pippin aus “Der Herr der Ringe” oder Fred und George Weasley aus “Harry Potter”.

 

4. Charakterisierung

Der englische Schreibpodcast “WritingExcuses” (oder waren es “Die Schreibdilettanten”? Oder beide?) nennt ein Beispiel, in dem eine Figur charakterisiert wird, in dem sie ständig Anwalt-Witze erzählt.

Witze müssen nicht immer um des Witzes selbst willen erzählt werden. Sie können auch denjenigen näher definieren, der sie erzählt.

In der Bücher- und Hörspieltrilogie “Die Känguru-Chroniken” von Marc-Uwe-Kling passiert es innerhalb der Geschichte immer wieder mal, dass eine Figur einen Witz erzählt und keiner lacht. Oder ein Witz wird in einer völlig unpassenden Situation erzählt.

Auf diese Weise kann charakterisiert werden, dass da jemand keine Witze erzählen kann oder kein Gespür für die Gruppe hat oder einen sehr schlechtes Timing bzw. einen schlechten Geschmack hat.

Und ja, machmal kann die fehlende Reaktion auf den Witz auch selber ein Witz sein!

 

 

5. Schutzfunktion

Dieser Tipp geht auf Dan Richters “Vierzehn Weisheiten für Impro-Spieler” zurück:

Durch platte Reaktionen auf tiefgründige Dialoge, wird kein Tiefgang entstehen.

Ein Beispiel:

Sie (in Tränen aufgelöst): Und er hat einfach mit mir Schluss gemacht – nach 15 Jahren!
Er: Na und, er hat eh nicht zu dir gepasst!

 

Seine Reaktion verhindert Tiefgang.

Ja, durch solche Konfrontationen kann man auch Witze erzeugen, aber mir geht es gerade um etwas anderes 🙂

 

Wer platte Reaktionen von sich gibt, entzieht sich der Verantwortung, sich auf die Emotionen einzulassen. Nicht nur auf die des anderen.

Auch auf die Eigenen.

In William P. Youngs “Die Hütte” wird dieses Verhalten sehr konkret benannt:
Die Hauptfigur Mackenzie zieht sich nach einem Schicksalsschlag zurück und versteckt ihre Emotionen hinter einer Fassade aus Oberflächlichkeit.

So verstecken manche Menschen ihr tiefgründigen Innenleben (auch vor sich selber!) hinter Fassanden aus Sprüchen, Sarkasmus, schwarzem Humor, Ironie und platten Sprüchen.

Na, spricht da jemand von sich selbst?

 

Halt die Fresse Sofa!

 

 

Oder Menschen schützen sich selber vor anderen Menschen: Schlägt dir ein Wildfremder auf der Straße ins Gesicht und alle schauen dich an…
…dann kannst du weinen, zurückschlagen oder lachen.

Das sind übrigens alles Arten zu entspannen. Seitdem ich das weiß, verprügel ich manchmal Leute, wenn sie mir richtig gute Witze erzählen.

 

Wenn dir aber jemand ins Gesicht schlägt und du tust nichts, gibst du deinem Umfeld zu verstehen, dass du das mit dir machen lässt: Dann zeigst du ihnen, dass es für dich normal ist, geschlagen zu werden.

Ein Lacher entspannt deine Anspannung und gibt deinem Umfeld zu verstehen, dass du das nicht ernst nimmst oder dich über sein Verhalten amüsierst, anstatt dich ihm auszuliefern.

 

 

Faustregel

Humor kann mehr als Unterhalten.
Ich gehe sogar so weit und sage: Humor ist unverzichtbar für ein gesundes Leben!

…und manchmal auch für gute Geschichten!

 

Für alle Leute, die nicht ausschließlich lustige Geschichten schreiben, stellt sich nun also die Frage: Wann und wie viel Humor oder Witze sollte ich einsetzen?

Meine Faustregel: Wenn der Tiefgang in deiner Story wichtig ist, achte darauf, dass die entscheidenden, emotionalsten Szenen witzefrei bleiben!
Denn – ja: Witze können Tiefgang verhindern! – Obwohl wir jetzt gelernt haben, dass hinter Witzen auch Tiefgang stecken kann 🙂

 

Bei Witzen geht es nicht immer um die Unterhaltung.
Es geht immer um die Story.

 

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Teile deine Humorerfahrung mit uns in den Kommentaren!

(Ja, auch wenn sie lustig sind – wir sind ja nicht nur zum Ernst hier :P)

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Hihi 😀 sehr cool! Und da du es nicht sehen konntest – ICH zumindest habe in Zeile 9 gelacht 😛 Weiter so!